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  • Literaturkritik.de: Norbert Scheuer folgt in „Mutabor“ der Spur kollektiven Schweigens
    Da sind drei beruhigend klingende silberne Armreifen, ein Foto eines Reiters mit ausgekratztem Gesicht, ein Muttermal zwischen den Brüsten, „das einer fliegenden Biene gleicht“ und von Generation zu Generation übertragen wird. Auch eine etwas zu fürsorgliche Tante Sophia und eine Gruppe der Kaller „Grauköpfe“ scheinen gleichfalls streng ein Geheimnis zu hüten. Nina, ein Mädchen, vom Jugendamt als schwer erziehbar eingestuft, blickt mit zeitlichem wie räumlichem Abstand auf ihre Kindheit und auf die Bewohner der Ortschaft Kall (Eifel). Sie wird 18 und braucht keinen Vormund des Jugendamtes mehr. Endlich ist sie in der Lage, ihre lang ersehnte, bereits oft mit dem Großvater geplante „Reise nach Byzanz“ anzutreten, die sie weit von Kall und näher zu sich selbst bringen wird. Denn Nina ist eine Verlorene, Vergessene, Ausgestoßene. Sie trägt seelische und körperliche Wunden, von der Großmutter, der „Graie“, geschlagen, von einer Horde von Jungen vergewaltigt, von der Sozialbetreuerin sexuell missbraucht. Sie weiß nichts von ihrer Vergangenheit. Sie schreibt: „Im Moment komme ich mir wie verzaubert vor, weiß weder, wer noch wo ich bin; daher ist es ganz natürlich, endlich wissen zu wollen, wer meine Eltern sind und woher ich komme.“ Sie sucht nach dem Zauberwort, nach dem schon die in Störche verwandelten Kalifen lebenslang gesucht haben: „Mutabor“,  „ich werde verwandelt werden“.
    10/1/2022
    10:19
  • Kath-Akademie Archiv: Goethe und Islam – Karl-Josef Kuschel im Gespräch mit Ahmad Milad Karimi
    Wie kein anderer deutscher Dichter hat sich Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) mit Orient und Islam beschäftigt. Das reicht vom frühen Mahomet-Fragment (1772/73) bis zum späten Gedicht-Zyklus West-östlicher Divan (1819). In dessen Einleitung wird die Aufmerksamkeit auf den Orient gelenkt, „woher so manches Große, Schöne und Gute seit Jahrtausenden zu uns gelangte“. Goethe kannte den Koran, er hat ihn exzerpiert und kommentiert. Seine Schreib-Übungen im Arabischen sind überliefert. Diese Seite des Dichters wurde lang ignoriert, erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Literaturwissenschaft für sie interessiert. Dass nun auch Theologie und Religionswissenschaft nachziehen können, dafür hat heuer der Tübinger Professor Karl-Josef Kuschel mit seinem gewichtigen und schön aufgemachten Werk Goethe und der Koran gesorgt. Neben der Dokumentation aller einschlägigen Texte ordnet er sie auch ein und betont etwa die interreligiöse oder besser religionsverbindende Dimension Goethes. So könne man die Ergebung in den Willen Gottes durchaus als Gemeinsamkeit der monotheistischen Weltreligionen sehen. Oder mit Goethes Worten: „Wenn Islam Gott ergeben heißt, im Islam leben und sterben wir alle.“ Und doch eignet sich Goethe nicht für eine vorschnelle und billige Vereinnahmung. Seine Interkulturalität, die nicht nur auf Toleranz, sondern auch auf Wertschätzung abzielt, könnte durchaus als Modell für ein auf Kenntnissen und nicht auf Vorurteilen beruhendes Gespräch mit dem Islam dienen. Darum freuen wir uns, dass auch Professor Ahmad Milad Karimi, der in Münster islamische Philosophie lehrt und selbst den Koran übersetzt hat, zu einem Dialog der Gelehrten nach München kommt.
    9/30/2022
    1:06:33
  • Literaturkritik.de: Bettina Wilperts „Herumtreiberinnen“ – eine Rezension von Stefanie Steible
    Für ihren zweiten Roman Herumtreiberinnen hat Bettina Wilpert ein Gebäude in Leipzig als Ort gewählt, an dem sich ihre ausschließlich weiblichen Figuren innerhalb unterschiedlicher politischer Systeme wiederfinden. Auch wenn es keine direkte Verbindung zwischen ihnen gibt, so zeigt die hier erzählte Geschichte auf berührende, manchmal auch schockierende und unangenehme Art und Weise, wie sehr die politischen Rahmenbedingungen das Leben einzelner Menschen beeinflussen können.
    9/29/2022
    7:31
  • Histothek: “China und die Seidenstrasse” – Thomas Höllmann
    Die Seidenstraße, die Ostasien mit dem Mittelmeerraum verbindet, ist zum Inbegriff einer frühen Globalisierung geworden. Der Sinologe Thomas O. Höllmann schaut von China aus auf das legendenumrankte Routennetzwerk. Er beschreibt anschaulich, wie die Menschen reisten und wie Güter und Ideen weitervermittelt wurden. Ein Ausblick macht deutlich, warum China mit der «Neuen Seidenstraße» auf das symbolische Kapital der alten Verbindungen setzt. Seit der Antike nutzten Gesandte, Händler, Missionare und Abenteurer die Seidenstraße. Auf dem Landweg passierten sie dabei lebensfeindliche Wüsten wie die Taklamakan, überwanden hoch aufragende Gebirge wie den Pamir und verweilten in betriebsamen Oasenstädten wie Buchara, Samarkand oder Turfan. Davon künden zahllose archäologische Zeugnisse, von denen viele erst in den letzten Jahrzehnten erschlossen wurden. Thomas O. Höllmann rekonstruiert mit ihrer Hilfe sowie anhand von historiographischen Quellen, fesselnden Reisebeschreibungen und lebensnahen Gedichten, welche Waren nach China gelangten, wie der Buddhismus und andere Religionen im Reich der Mitte rezipiert wurden und welche Schlüsseltechnologien, allen voran Papier und Buchdruck, von dort aus ihren Siegeszug über die ganze Welt antraten. Das Buch geht den ökonomischen Grundlagen, politischen Motiven und kulturellen Rahmenbedingungen des Austauschs nach und führt faszinierend konkret vor Augen, was Globalisierung in einem Zeitraum von rund zwei Jahrtausenden bedeutete. Vom Reich der Mitte durch den islamischen Orient nach Europa: Wie der legendäre Fernhandelsweg China und den Westen verändert hat Auf der Grundlage neuer archäologischer Entdeckungen entlang der Seidenstraße Mit 80 farbigen Abbildungen Thomas O. Höllmann ist Professor em. für Sinologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Er war Mitglied des Internationalen Konsultativkomitees für das Seidenstraßenprojekt der UNESCO. Bei C.H.Beck erschienen von ihm u.a. “Das alte China” (2008), “Schlafender Lotos, trunkenes Huhn. Kulturgeschichte der chinesischen Küche” (2010) sowie “Die chinesische Schrift” (C.H.Beck Wissen, 2017).
    9/28/2022
    1:34:57
  • SF & more: Mark Brandis – “Weltraumpartisanen” , von Chewjan-Teaux Aulabyortonois
    Mark Brandis ist Berliner. Er wird nicht „Brändis“ ausgesprochen, denn er stammt wie sein Schöpfer, Nikolai von Michalewsky, aus der Mark Brandenburg. Also ausnahmsweise mal ein Deutscher, der mit Raumschiffen das All durcheilt. Nikolai von Michalewsky würde sich übrigens kaum als Zwilling seiner Schöpfung betrachtet haben. Was ihn aber dennoch mit Brandis verbindet, erfahren wir hier. Ab Oktober 2008 erschien die Reihe Weltraumpartisanen, ursprünglich bei Herder in Freiburg aufgelegt, als neue Paperback-Edition im Wurdack-Verlag. Sowohl die Papierausgabe als auch eine nachgereichte E-Buch-Ausgabe sind mittlerweile komplett erhältlich. Robert Mayerhofer ist Science-Fiction-Fan von Kindheit an. Für LITERATUR RADIO HÖRBAHN geht er seiner Begeisterung nach und betreibt „Berts SciFi-Kaleidoskop“, wo er unter anderem die Streifzüge von Chewjan-Teaux Aulabyortonois durch das Genre vorstellt. Hinter dem Pseudonym Chewjan-Teaux Aulabyortonois steckt ein langjähriger Redaktionsmitarbeiter zweier großer süddeutscher Verlage, die sich die Herausgabe herausragender SF-Werke auf die Fahnen geschrieben haben. Ihn interessieren vor allem neomythische Strömungen der Popkultur und traditionelle Welterklärungsmodelle, die bis heute ihre Wirkung entfalten.
    9/27/2022
    35:23

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